Alle zwölf Tage ein Brand in einem Tunnel

  14. September 2016

Eine offizielle Statistik über Brandereignisse in unterirdischen Verkehrsanlagen gibt es nicht. Deshalb wertet die International Fire Academy seit Anfang 2012 Medienberichte über Brandereignisse in Tunneln aus. Danach kommt es allein in der Schweiz, Österreich und Deutschland monatlich mindestens zu 2,4 Bränden in Bahn- oder Strassentunneln.

Die Tunnelbrand-Statistik der International Fire Academy erfasst systematisch alle deutschsprachigen Zeitungsberichte über Brände in Europas Tunneln, die von der Suchmaschine Google registriert werden. Mit aufgenommen werden Meldungen und Einsatzberichte, die uns von einzelnen Feuerwehren zur Verfügung gestellt werden. Als hundertstes auf diese Weise gesammeltes Ereignis in einem Strassentunnel ging der Brand eines Campingbusses im österreichischen Gleinalmtunnel am 04.08.2016 in diese Statistik ein. Die Zahl 100 nimmt die International Fire Academy zum Anlass, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen und die statistische Erfassung weiter zu optimieren.

Viele Tunnel = viele Ereignisse?



CH

DACH

N

F

I

E

Tot.

Strassentunnel

36

32

26

94

4

0

1

1

100

Bahntunnel

35

4

2

41

0

1

0

0

42

Gesamt

71

36

28

135

4

1

1

1

142

Brände/Monat

1,3

0,6

0,5

2,4

0,1

2,5

Die Tabelle differenziert die erfassten Ereignisse nach Strassen- und Bahntunneln, nach Ländern (Deutschland, Österreich, Schweiz, Norwegen, Frankreich, Italien, Spanien) sowie für die Ländergruppe Deutschland, Österreich, Schweiz.

Die Strassentunnelereignisse verteilen sich in etwa gleich auf die drei D-A-CH-Länder, die überdurchschnittlich viele Tunnel in Betrieb haben.

Bei den Fahrzeugarten zeichnet sich in der Statistik der International Fire Academy ein deutlicher Trend ab. Bei den erfassten 100 Strassentunnelereignissen waren 66 Personenwagen, 30 Lastwagen und ein Bus (der als Mobilcamper genutzt worden war) betroffen. Das heisst: Rund zwei Drittel der Brände in Strassentunneln entfallen auf Personenwagen und rund ein Drittel auf Lastfahrzeuge.

Die weitaus meisten registrierten Bahnereignisse traten in U-Bahn- oder Stadtbahnsystemen auf, wobei eine genaue Zuordnung zu bestimmten Infrastrukturbetrieben oft mangels genauer Informationen schwierig blieb. Bei 17 der insgesamt 42 ausgewerteten Ereignisse handelte es sich um Kabel- oder Schaltschrankbrände mit an sich geringem Schadenausmass, jedoch meist sehr starker Rauchentwicklung. Häufig wurde hier von "explosionsartigen Erscheinungen" berichtet. Hier könnte sich bei einer längeren statistischen Beobachtung ein Gefahrenschwerpunkt abzeichnen: Elektrobrände in Metrobahnsystemen.

Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass die Statistik keineswegs alle Ereignisse erfasst. Insbesondere aus Frankreich und Italien lagen nur wenige Berichte vor; die Zahl der Ereignisse dürfte hier deutlich höher sein. Die Statistik der International Fire Academy besagt also nur, wie viele Brandereignisse mindestens aufgetreten sind.

Zweck dieser statistischen Erfassung ist es, eine zumindest ungefähre Vorstellung der Ereignishäufigkeit zu gewinnen, wie sie in der Tabelle dargestellt ist. Über alle Ereignisse gerechnet wird danach in Europa mindestens alle zwölf Tage ein Brandereignis in einem Strassen- oder Bahntunnel registriert.

Zahlreiche Tote und Verletzte und oft viele hundert Betroffene

Im Erfassungszeitraum (01.01.2012 bis 04.08.2016) kamen in Deutschland, Österreich und der Schweiz (D-A-CH) sieben Menschen bei Brandereignissen in Strassentunneln ums Leben. Über die jeweilige Todesursache liegen keine gesicherten Angaben vor. Wir wissen also nicht, ob die Personen an den Folgen eines Unfalls oder infolge Rauchgasvergiftung und Verbrennung gestorben sind. Eine Ausdifferenzierung der Todesfallzahlen nach Ländern hätte aufgrund der niedrigen Zahlen keine statistische Aussagekraft.

Über alle erfassten Ereignisse addiert sich die Zahl der Toten auf 13 und die der Verletzten auf 147, wobei jedoch auch hier keine gesicherten Angaben zu Todesursachen bzw. Art und Schwere der Verletzungen vorliegen.

Nicht von der Statistik der International Fire Academy erfasst ist das Busunglück im Sierre-Tunnel im Wallis (CH), bei dem am 13. März 2012 28 Menschen getötet und 24 weitere verletzt worden waren. Denn unsere Statistik erfasst nur Brandereignisse.

Gar keine sicheren Informationen liegen darüber vor, wie viele Menschen von Feuerwehren aus Brandgefahren gerettet werden konnten. Aus den Zeitungsberichten ist zu schliessen, dass bei mindestens 13 Bränden in Strassentunneln jeweils mehr als 100 Menschen direkt betroffen waren. Bei 8 Bränden in Bahntunneln oder U-Bahn-Stationen waren den Berichten nach jeweils über 1000 Personen direkt betroffen. 

Oft werden brennende Fahrzeuge aus dem Tunnel gefahren

Bei 14 der insgesamt 100 erfassten Brände in Strassentunneln fuhren die Fahrer den Berichten zufolge ihr brennendes Fahrzeug entweder noch aus dem Tunnel hinaus oder hielten es unmittelbar vor dem Portal an, wodurch thermische Schäden verhindert wurden, allerdings dennoch Rauch in den Tunnel eindrang. Hier kann vermutet werden, dass die Informationskampagnen der Tunnelbetreiber und der Feuerwehr positive Wirkung zeigen.

Berichte über eklatantes Fehlverhalten von Tunnelnutzern lagen nicht vor, sieht man von einem Kuriosum ab: Im österreichischen Bindermicheltunnel betätigte sich ein junger Mann unter Drogeneinfluss am 16. Mai 2015 als Feuerspucker, wozu er Benzin aus dem Ersatzkanister seines Fahrzeugs verwendete.

Schlussfolgerungen und Ausblick

Da die Statistik der International Fire Academy bislang überwiegend auf Medienberichten beruht und eine unbekannte Zahl von Ereignissen gar nicht erfassen kann, ist bei der Interpretation grosse Vorsicht geboten. Was wir den Zahlen entnehmen können ist:

  • Im Vergleich zu anderen Brandereignissen sind Brände in Tunneln relativ selten; andererseits zeigen 142 erfasste Ereignisse in 56 Monaten, dass der Aufwand für die Tunnel-Einsatzvorbereitung gerechtfertigt ist.
  • Die hohe Zahl von Toten und Verletzten weist auf die Gefährlichkeit von Bränden in Tunneln hin, auch wenn unklar bleibt, welchen Anteil das Brandgeschehen an den Ursachen der Verletzungen hat.
  • Trotz der Ungenauigkeit der Medienberichte: Es muss davon ausgegangen werden, dass Brände in Tunneln Hunderte oder Tausende Menschen direkt betreffen können; dies rechtfertigt das üblicherweise hohe Aufgebot von Einsatzkräften bereits in der Ersteinsatzphase.
  • Die vielen Berichte über Ereignisse in Metrobahn-Systemen weisen auf einen möglichen Gefahrenschwerpunkt hin.

Bei der Weiterführung der Statistik wird die International Fire Academy zum einen noch mehr Informationsquellen erschliessen und zum anderen stärker zwischen Anlagentypen (beispielsweise Bahntunnel auf freier Strecke oder U-Bahn-Systeme) zu unterscheiden versuchen. Neu aufgenommen wird die Rubrik Tiefgaragenbrände.

Aussagen über die Zu- und Abnahme von Bränden in Tunneln können aus der Statistik der International Fire Academy nicht abgeleitet werden. Dazu wären formalisierte Meldewege (beispielsweise an die statistikführenden Feuerwehrinstanzen) erforderlich, um sicherzustellen, dass tatsächlich alle Ereignisse gezählt werden.

Wie Feuerwehren die Statistik unterstützen können

Die Tunnelbrand-Statistik der International Fire Academy ist bisher nicht geeignet, um Aussagen über Einsatzmassnahmen machen zu können. So sind die Angaben zur Zahl der Einsatzkräfte in den Medienberichten oft sehr ungenau, weil Beobachter beispielsweise nicht das rückwärtig oder das auf der gegenüberliegenden Portalseite eingesetzte Personal wahrnehmen. Verlässliche Informationen über das Einsatzgeschehen liefern allein Einsatz- und Augenzeugenberichte der Beteiligten.

Die International Fire Academy bittet deshalb alle Tunnelfeuerwehren, ihr solche Berichte zur Verfügung zu stellen, um sie (auf Dauer) statistisch auswerten zu können. Wo dies nicht möglich ist, wäre jedenfalls eine kurze Ereignismeldung hilfreich, die mindestens enthalten sollte:

  • Datum
  • Uhrzeit
  • Nation, Land (Provinz, Kanton), Ort
  • Art und Name des Tunnels bzw. der UVA
  • Art des betroffenen Fahrzeugs / Brandgutes
  • kurze Beschreibung des Ereignisses
  • Anzahl Betroffene / Verletzte / Tote

Sehr hilfreich wären ergänzende Angaben zur Zahl der eingesetzten Kräfte, der geretteten Personen und besonderen Einsatzmassnahmen.

Meldungen bitte an per E-Mail an statisticsanti spam bot@ifa-swissanti spam bot.ch

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