Ausdauertraining unter Atemschutz

  13. September 2016

"Das Training ist eine Grenzerfahrung." Daniel Guischard, Leiter der Feuerwehr Bad Homburg, geht mit seiner Grubenwehr bewusst an die Leistungsgrenzen, um die 16 Mitglieder dieser Spezialeinheit auf lange Einsätze mit Kreislaufgeräten vorzubereiten. Ihr Einsatzgebiet ist nicht alltäglich: Die Grubenwehr wurde für die Wasserversorgung der Taunus-Stadt gegründet.

Lange Wege bis zur Stautür

60 Prozent des Trinkwasserbedarfs deckt Bad Homburg über eigene Stollen. 1972 m führt der Elisabethenstollen als längster der vier Stollen in den Bleibeskopf hinein. Knapp ein Drittel der Strecke liegt vor der Stautür und ist begehbar. Hier sind die 567 m langen Wasserleitungen montiert, die vor vier Jahren ausgetauscht werden mussten. Damit stellte sich die Frage: Was passiert, wenn Arbeiter im Stollen Hilfe benötigen. "Wenn wir so tief in einen Stollen vordringen wollen, reicht die Luft in unseren Atemschutzgeräten nicht aus", benennt Daniel Guischard das Problem. "Wir müssen allein für den Hinweg mit 50 Minuten rechnen."

Hohe Anforderungen an eine Grubenwehr

Was die Umstellung auf Kreislaufgeräte und die Arbeit im engen Stollen bedeutet, wurde den Mitgliedern der neu gegründeten Spezialeinheit Grubenwehr spätestens in Clausthal-Zellerfeld klar: Dort absolvierten sie eine zweistündige Belastungsübung in der Atemschutzstrecke des zentralen Grubenrettungswesens. "Manche haben abgebrochen. Das ist gut und wichtig und kein Gesichtsverlust", betont Daniel Guischard. Platzangst war einer der Gründe, für andere die Intensität des Trainings, für das die Mitglieder der Spezialeinheit zweimal pro Woche ein Sportprogramm absolvieren. "Es sind auch Ehrenamtliche dabei“, erläutert Guischard, "und auch für sie ist der Sport Pflicht.“   

Das Einsatzgebiet erweitert sich

Das Bewusstsein für unterirdische Baustellen und Gefahrenpunkte hat sich seit Gründung der Grubenwehr erweitert. Der Ausbau und die Sanierung der städtischen Ver- und Entsorgungsanlagen sind dabei ein Dauerthema. In den unterirdischen Kanälen arbeiten die Bautrupps mit möglichst wenig oberirdischen Baustellen, um Verkehrsbeeinträchtigungen gering zu halten. Daneben sind Wartungsarbeiten in langen Schachtanlagen erforderlich, etwa für die Elektroversorgung. Je nach Ausbauzustand gibt es an den unterirdischen Baustellen zum Teil eine erhebliche Brandlast, etwa sägeraues Holz sowie Hobelspäne und Holzwolle als Dichtungsmaterial. Für die Grubenwehr bedeutet dies, sich auf Einsätze unter CO2-Austritt, die Rettung von Verschütteten und die unterirdische Brandbekämpfung vorzubereiten.

Eine hohe Dichte an Tiefgaragen

Der dritte Einsatzbereich der multifunktionalen Spezialeinheit sind die vielen Tiefgaragen in Bad Homburg. Die hohen Bodenpreise von 5000 Euro/qm sorgen dafür, dass immer mehr Parkflächen unter die Erde verlegt werden. Viele der privaten unterirdischen Garagen sind nicht mechanisch entlüftet, was im Brandfall das Problem der Verrauchung vergrössert. Auch die steigende Zahl von Elektro-Fahrzeugen bringt neue Gefahrenquellen mit sich. Drei Tiefgaragenbrände bewältigte die Spezialeinheit in den beiden vergangenen Jahren in der 55.000-Einwohner-Stadt. Ein zusätzlicher Grund, die jährliche grosse Atemschutzübung in diesem Jahr an der International Fire Academy zu absolvieren und mit einer Ausbildung im Übungsparkhaus zu verbinden.

"Die Schlagkraft ist extrem hoch"

Mehr als zweieinhalb Stunden trainierte die Bad Homburger Spezialeinheit im Übungstunnel in Lungern. In Grubenwehrausrüstung bewältigte sie ein spezielles Szenario mit verlängertem Anmarsch über zwei Runden und testete neue Spezialtragen für die Personenrettung. "Wir haben nun ein ganz anderes Gefühl der Handlungssicherheit", resümiert Daniel Guischard. "Eine Bewährungsprobe werden wir bestehen – und in diesem Selbstverständnis arbeiten wir auch.“ Sein Ziel ist es, die Spezialeinheit auf 24 Mitglieder auszubauen. Gleichzeitig betont er vor dem Hintergrund der physischen und psychischen Herausforderungen: "Wir arbeiten nach dem Motto: Klasse statt Masse. Die Schlagkraft eines eingespielten, trainierten Teams, besonders mit den Erfahrungen und dem Wissen aus Balsthal, ist extrem hoch."

Die Einsatzbedingungen optimieren

Um Ausfälle zu reduzieren, versuchen die Mitglieder der Grubenwehr, die Übungs- und Einsatzbelastungen zu reduzieren. Es wurde bereits Kleidung mit einem besseren Wärmeabtransport angeschafft "Derzeit testen wir aktive Kühlsysteme, zuvor haben wir bereits passive erprobt. Unser Problem ist der enorme Hitzestress." Grosse Übungen und Einsätze begleitet daher Dr. Kai Rüttger, Rettungsmediziner und Notarzt. Er hat die Übungen in Clausthal-Zellerfeld sowie in Balsthal und Lungern nicht nur begleitet, sondern selbst absolviert, um das körperliche Belastungsprofil zu verstehen und auf einen Notfall bestens vorbereitet zu sein.

Hintergrundinformationen Grubenwehr

Für die Organisation, die Ausstattung und den Einsatz von Grubenwehren hat das Zentrale Grubenrettungswesen der Bergbau-Berufsgenossenschaft in Deutschland Leitlinien erstellt. Sie können hier heruntergeladen werden.

Einen Eindruck von der Atemschutzübung in Clausthal-Zellerfeld vermittelt dieser Film auf youtube. Er dauert 3:39 min.

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