Bahntunnel als grosse Herausforderung

  26. September 2014

Der "Abwehrende Brandschutz in Bahntunneln" war vom 24. bis 26. September das Thema des 3. Kommandanten-Forums der International Fire Academy. Annähernd 100 Gäste aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Luxemburg, Italien und Dänemark reisten zu dem deutschsprachigen Expertenforum nach Balsthal. Sechs Fachvorträge zu feuerwehrspezifischen Themen aus der Bau- und Betriebsphase von Bahntunneln wurden durch einen Besuch der Feuerwehr des Lötschberg-Basistunnels und einen intensiven Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmenden ergänzt.

Lösungsansätze aus der Praxis

Urs Kummer, Geschäftsführer der International Fire Academy, eröffnete das Kommandanten-Forum mit dem Vorschlag, die Tunnel-Einsatzlehre um einen Katalog an Lösungen für die unterschiedlichsten Aufgaben und Probleme rund um Bahn-Einsätze zu ergänzen. Dafür lieferten die Referenten an beiden Fachtagen viele Ansatzpunkte und konkrete Beispiele. Die Folien der Vorträge sind im Wissensportal auf der Website der International Fire Academy aufrufbar.

Bis zu 1'000 Betroffene

Die Unterschiede zwischen Strassen- und Bahntunneln analysierte Christian Brauner, Leiter Entwicklung der International Fire Academy. Er hob hervor: Ereignisse in Bahntunneln sind erheblich seltener als in Strassentunneln, die möglichen Tragweiten können aber weitaus grösser sein. Die grosse Herausforderung für die Feuerwehren bestehe also darin, einerseits der geringen Häufigkeit von Brandereignissen in Tunneln Rechnung zu tragen, anderseits dennoch in der Lage zu sein, bis zu 1'000 Menschen bei der Flucht zu unterstützen oder zu retten. Dass dabei im Bahnbereich mit anderen Bedingungen als im Strassentunnel zu rechnen ist, wurde anhand vieler Beispiele deutlich.

Lösungen mit hohem Anspruch

Unter dem Titel "Von der Dorffeuerwehr zur Tunnelfeuerwehr" zeigten Werner Schmid, Kommandant der Feuerwehr Efringen-Kirchen, und der Lörracher Alt-Kreisbrandmeister Bernd Schwöble am Beispiel des Katzenbergtunnels, welch immenser Aufwand mit einem neuen Tunnel für die Feuerwehren verbunden ist. Sowohl für die Bauphase als auch den Regelbetrieb musste die Gemeindefeuerwehr spezielle Fahrzeuge und Verfahren entwickeln, um den besonderen Bedingungen "ihres" Tunnels gerecht zu werden. Deutlich wurde die Dynamik, die mit dem Baufortschritt verbunden ist: Immer wieder neue Situationen im Tunnel erfordern auch die Entwicklung neuer Lösungen.

Abstimmung kann entlasten

Der - in Bau befindliche - Albabstiegstunnel weist ebenfalls so viele Besonderheiten auf, dass die zuständige Feuerwehr Ulm mit hohem Aufwand spezifische Lösungen entwickeln muss. Über dieses Projekt berichteten ausführlich der Kommandant der Wehr, Hansjörg Prinzing, und sein Stellvertreter Reiner Schlumberger. Der Albabstiegstunnel ist einer von 16 Tunneln und Durchlässen auf der ICE-Neubaustrecke von Stuttgart nach Ulm. Was helfe sei der enge Austausch mit anderen Tunnelfeuerwehren. Dennoch sei allein schon die personelle Belastung gewaltig. Denn auch hier wurde deutlich: Die Feuerwehr muss sich auf immer neue Bedingungen einstellen und für jede Veränderung überlegen: Was bedeutet dies für einen möglichen Einsatz?

Einsatzgrenzen kommunizieren

Martin Gegenhuber, stellvertretender Branddirektor der Feuerwehr Innsbruck, zeichnete für den Brenner-Basistunnel das gleiche Bild. Er plädierte dafür, dass sich Feuerwehren auch die Frage nach den Einsatzgrenzen stellen und die Antworten offen kommunizieren sollten. Es sei nicht alles machbar, und das sollten alle Beteiligten wissen. Gleichzeitig verwies er auf die mit solchen Aufgaben für die Feuerwehren verbundenen Kosten. Seine Empfehlung: Vereinbarungen über Training und Ausstattung beispielsweise mit dem Betreiber stets gemäss dem "Stand der Technik" zu treffen. Dies wird vor allem vor den Baudaten "seines" Tunnels deutlich: Die Bauphase dauert bis 2025. Bisher sind von insgesamt 230 km Tunnelbauwerk (davon 64 km Basistunnel) 31 km fertiggestellt.

1 Mio. Liter Wasser im Tunnel

Über Grenzen des Machbaren berichtete auch der Leiter der Betriebswehr Brig der Schweizerischen Bundesbahnen, Kurt Heynen, am Beispiel des Vollbrands eines Güterzuges im Simplontunnel im Juni 2011. Mit dem Lösch- und Rettungszug wurde zunächst der Lokführer des havarierten Zuges gerettet und anschliessend die Brandbekämpfung aufgenommen. Der Einsatz dauerte mehrere Tage, verlangte über eine Million Liter Wasser und brachte einige Überraschungseffekte: So kam es auf der Strasse neben dem Südportal zu einem Verkehrsunfall, weil der Niederschlag des Rauches aus dem Tunnel einen schmierigen Fahrbahnbelag bildete. Kurt Heynen zeigte anschaulich, was es bedeutet, schienengebunden zu operieren. So wurden nicht betroffene Waggons vom brennenden Zugteil abgetrennt, um sie aus dem Tunnel zu fahren. Dabei musste gleichzeitig sichergestellt werden, dass die isolierten Waggons auf der abschüssigen Strecke nicht unkontrolliert in Richtung Domodossola rollen.

Evakuiert aus dem Lötschberg-Basistunnel

Die Dimensionen und die Komplexität moderner Tunnelanlagen erlebten die Teilnehmenden des Kommandanten-Forums schliesslich live im Lötschberg-Basistunnel. Nach der Besichtigung des Interventionszentrums fuhren sie unter der Führung von Kommandant Peter Luginbühl mit dem Lösch- und Rettungszug der BLS in den Tunnel ein. Ab der Nothaltestelle Ferden wurde die Besuchergruppe "evakuiert" und mit Bussen zurück ins Freie gebracht. Deutlich wurde hier, dass nicht nur ein Brand, sondern häufiger technische Störungen an einem Zug auf der 34,6 km langen Strecke zu Evakuierungssituationen führen können.

Kommunikation als grosses Thema

Im Mittelpunkt der vielen Diskussionsrunden stand die oft komplexe Zusammenarbeit mit den Bahngesellschaften und - in der Bauphase - mit den beteiligten Bauunternehmen. Hier erwarten die Feuerwehren vor allem, erstens frühzeitig(er) eingebunden zu werden und zweitens die Zahl ihrer Ansprechpartner zu reduzieren. Es könne nicht Aufgabe der Feuerwehren sein, das Zusammenspiel von Bauherr und Bauunternehmen zu organisieren oder, insbesondere in der Ausbauphase, die einzelnen Baufirmen zu koordinieren. Ein besonderes Problem wird darin gesehen, dass die Feuerwehren zwar für die Intervention in Bahntunneln zuständig sind, jedoch meist über wenig Erfahrung verfügen. Insbesondere bei Neubauprojekten werden sie mit völlig neuen Herausforderungen konfrontiert und müssen sich zunächst in die Thematik einarbeiten. Die pragmatische Lösung besteht darin, sich mit Feuerwehren auszutauschen, die diesen Lernprozess gerade durchlaufen haben - dazu gehört auch, wie die Zusammenarbeit der jeweiligen Bahngesellschaft gut gestaltet werden kann.

Hier wird die International Fire Academy auch in Zukunft zum Dialog zwischen den Feuerwehren und zwischen diesen und allen anderen Beteiligten beitragen.

Versuche unter Atemschutz

Wie gefährlich ist der Einsatz von Kreislaufgeräten in Tunneln? Dieser Frage ging die Feuerwehr Landeck mit einem wissenschaftlich begleiteten Test in der Tunnel-Übungsanlage in Lungern nach, deren Ergebnisse Feuerwehrtechniker und Ausbildungskommandant der Feuerwehr Landeck beim 3. Kommandanten-Forum vorstellte. Anlass für diese Untersuchung war u.a. ein Bericht von Zürcher Kollegen beim 2. Kommandanten-Forum der International Fire Academy in 2013 über problematische Erfahrungen beim Einsatz von Kreislaufgeräten.

Bei dem Test in Lungern unter medizinischer Aufsicht führten 70 SSG-Träger an zwei Tagen insgesamt neun Übungen durch. Dabei steht die in Österreich verwendete Abkürzung SSG für Sauerstoffschutzgeräte synonym für Kreislaufgeräte. Die Testgruppe wurde möglichst heterogen zusammengestellt, um ein breites Spektrum an Feuerwehrangehörigen abzubilden. Zudem wurde ein Vergleich mit Zweiflaschen-Pressluftatmern (je 6,8 bzw. 9 l) durchgeführt. Das vorgestellte Fazit der Probanden, insbesondere bei Einsätze in Bahntunneln lieber auf Kreislaufgeräte als auf Pressluftatmer zurückzugreifen, wurde im Plenum mit einer sehr engagierten Diskussion beantwortet.

Viele Entscheidungskriterien

Es bestätigte sich in der Diskussion die Auffassung, dass dasjenige Gerät am besten ist, mit dem die Träger am besten vertraut sind. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass die Verwendung von Kreislaufgeräten im Einsatz nur dann zu empfehlen ist, wenn die Träger - trotz der damit verbundenen Kosten - genügend häufig mit diesen Geräten üben können.

Mit welchen Geräten aber soll geübt werden? Hier zeichnete sich in der Diskussion als wichtiges Kriterium die Einsatz-Häufigkeit bzw. -Wahrscheinlichkeit ab. Für Feuerwehren, die sehr viele Tunnel oder andere unterirdische Verkehrsanlagen betreuen, kann der mit Kreislaufgeräten verbundene Aufwand (höhere Kosten, Wartung usw.) durchaus Sinn machen, weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Vorteilen der Geräte profitieren können. Deutlich wurde auch, dass es für einen Einsatz keine Universallösung geben muss. So unterscheiden manche Feuerwehren bei der Wahl der Atemschutzgeräte zwischen den Aufgaben, die damit ausgeführt werden sollen. Entscheidend war für andere, ob sie auf die zeitliche Sicherheitsreserve verzichten können - etwa durch die Rückzugsmöglichkeit in einen Lösch- und Rettungszug oder die ergänzende Nutzung von Selbstrettern.

Insgesamt zeigte sich in der Diskussion, dass zwischen technischen und menschlichen Möglichkeiten zu unterscheiden ist: Selbst wenn längere Arbeitszeiten möglich sind, wurde einhellig für beide Gerätetypen geäussert: Man sollte die Einsatzzeit möglichst bereits in der Planung auf maximal 60 Minuten begrenzen.

alle News ansehen