Ereignisse Hand in Hand erfolgreich bewältigen

  18. September 2015

Die "Koordination mit Betreibern und anderen Einsatzdiensten" stand im Mittelpunkt des 4. Kommandanten-Forums der International Fire Academy, zu welchem 110 Feuerwehr-Führungskräfte aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Luxemburg und dem Fürstentum Liechtenstein nach Engelberg angereist waren. In acht Fachvorträgen, beim Besuch des Gotthard Basistunnels sowie im persönlichen Erfahrungsaustausch wurde deutlich: Die organisationsübergreifende Kommunikation zwischen allen Beteiligten sollte ein zentrales Thema der Einsatzvorbereitung sein.

Strategie ist gefragt: Was müssen Feuerwehren können?

Urs Kummer, Geschäftsführer der International Fire Academy, lenkte den Fokus der Teilnehmenden gleich zu Beginn der Veranstaltung auf strategische Grundsatzfragen: „Was sollen Tunnelfeuerwehren leisten können?“ Darüber zu bestimmen, sei nicht Aufgabe der Akademie, sondern der Feuerwehrführung. „Die Aufgabe einer Akademie ist es dann, den theoretischen Unterbau zu entwickeln sowie dazu passende Lehrangebote anzubieten und durchzuführen.“ Das Kommandanten-Forum sei zwar kein beschliessendes Gremium, doch es könne die Aufmerksamkeit auf die Fragen lenken, deren Beantwortung wichtig ist. Die erforderliche Entwicklungsarbeit werde dann an der International Fire Academy in Kooperation mit Experten geleistet.

Tunneleinsätze können unerwartete Komplexität entwickeln

Dass im Detail noch grosser Diskussionsbedarf besteht, zeigte sich im Verlauf des 4. Kommandanten-Forums. „Tunneleinsätze können noch komplexer sein, als bisher erwartet“, war eine Erkenntnis der Teilnehmenden nach zwei intensiven Fachtagen. Um im Einsatz die vielen Informationen schnell und richtig bewerten und in Entscheidungen umsetzen zu können, braucht es neben sehr guten Ortskenntnissen auch vertrauensvolle Kontakte zu allen Partnern. Hinzu kommt die kontinuierliche Reflexion der Einsatzkonzeption. Was dies im Detail bedeuten kann, erläuterte Marianne Wernli, Leiter Ausbildung an der International Fire Academy. Sie diskutierte Grundsätze der Tunnel-Einsatzlehre wie die Strukturkühlung, den Einsatz von Erkundungstrupps, die Rückwegsicherung und den Zwei-Seiten-Angriff in einer Pro- und Contra-Argumentation. Deutlich wurde dabei vor allem ein Grundsatz, den Christian Brauner, Leiter des Didaktik- und Entwicklungsteams, zusammenfassend nannte: „Wir müssen immer auch wissen, warum wir etwas tun!“ Denn nur so könne im Einsatz differenziert entschieden werden, was jeweils am besten passt.

Überraschungen besser bereits in der Übung

Was tun, wenn der Rettungsdienst nicht wie geplant über die „saubere“ Parallelröhre einfahren will, um Verletzte zu versorgen? Vor dieser Frage standen die Einsatzkräfte der Feuerwehr Freiburg (D) bei ihrer Tunnelübung Ende 2014 im Schützenallee- und Kapplertunnel. Carl-Friedrich Koch von der Stabsstelle für Steuerungsunterstützung beim zuständigen Amt für Brand- und Katastrophenschutz schilderte die Erfahrungen mit der unerwarteten Reaktion. Die Leitung der Sanitätseinheiten interpretierte die aus Feuerwehrsicht „saubere“ Röhre als gefährdeten Bereich, weil die Einsatzkräfte auch dort Atemschutzgeräte trugen. So erhielten die Rettungssanitäter nicht den Auftrag zum Einsatz. Die Unsicherheit konnte in der Übungsbesprechung beseitigt werden. Ein möglicher Lösungsansatz besteht darin, dass der Rettungsdienst durch die Feuerwehr die Freigabe für die Einfahrt in den Tunnel erhält. Sie kann die Situation einschätzen und die Sicherung der Rettungskräfte übernehmen.

Tunnel-Stabsübungen für die Führung

Unter dem Motto „Wer zusammen in den Einsatz fährt, muss auch zusammen üben“ plädierte Werner Stampfli, Feuerwehrinspektor im Kanton Basel-Landschaft, für Stabsrahmenübungen anstatt Vollübungen. In seinem Verantwortungsbereich werden pro Jahr zwei solcher Übungen durchgeführt. Rund 30 Führungskräfte, Fachberater und Stabsgehilfen aller Einsatzdienste treffen sich dazu im Taktikzentrum der International Fire Academy.

„Wichtig ist die dezentrale Besprechung“, betont Stampfli. Er empfiehlt zunächst eine Analyse der Abläufe innerhalb des jeweiligen Ereignisdienstes zusammen mit einem Schiedsrichter aus den eigenen Reihen, der als Beobachter die Übung begleitet. Hier entstehe das Selbstbild. Erst danach gehe es ins Forum, wo sich die Einsatzdienste in der zentralen Besprechung austauschen und jeder auch Feedback von anderen erhält.

Die Kosten vor der Ausschreibung diskutieren

Aus Sicht einer Baufirma thematisierte Armin Semmelmann, Technischer Gruppenleiter bei der Züblin AG in Stuttgart (D), die Sicherheit in der Bauphase eines Tunnels. Dabei gehe es nicht um Sachwerte, sondern ausschliesslich um die Rettung von Menschen, betonte er einleitend. Unter Rückgriff auf die Gesetzeslage und Vorschriften schilderte er die Bedingungen, unter denen über Sicherheit in der Bauphase eines Tunnels diskutiert wird. Aus seiner Sicht müssen diese Fragen vor der Ausschreibung der Bauarbeiten geklärt werden, damit die Sicherheitskosten bereits im Angebotspreis enthalten sind.

Werden die Sicherheitsthemen erst kurz vor Baubeginn besprochen, bleibe oft unklar, wer sie zu tragen hat. Deshalb sollten sich die Feuerwehren frühzeitig in die Tunnelplanung einbringen und das Gespräch auch mit Aufsichtsbehörden und Unternehmen suchen.

Brandeinsatz auf einer Tunnelbohrmaschine

Wie wichtig die Ortkenntnis und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Einsatz sind, zeigte das Referat von Karl Heinz Hörgl und Wolfgang Kohler von der Freiwilligen Feuerwehr Deutschlandsberg (A). Sie waren am 5. Februar 2015 bei einem Brand auf der Tunnelbohrmaschine im Koralmtunnel im Einsatz. Aufgrund von Wartungsarbeiten befanden sich während des Brandausbruchs weit mehr Personen im Tunnel als beim üblichen Vortrieb. Die meisten der 28 Arbeiter konnten sich selbst retten, acht Personen wurden zunächst vermisst.

Für die Einsatzkräfte der Feuerwehr war ein Lotse von grosser Hilfe, der mit den Verhältnissen vor Ort vertraut war und selbst ausgebildeter Feuerwehrmann ist. Als problematisch erwies sich die Kommunikationstechnik: Ein Kontakt mit der Einsatzleitung war über grössere Abschnitte wegen Funklöchern nicht möglich. Dadurch erfuhren die Einsatzkräfte beispielsweise nicht bereits am Unglücksort, dass eine noch vermisste Person sich wider Erwarten nicht mehr im Tunnel befand. Thematisiert wurde zudem die Medienpräsenz mit dem Tipp, eine Anlaufstelle in ausreichendem Abstand zur Einsatzleitung einzurichten, damit die Situation unter Ausschluss der Öffentlichkeit offen diskutiert werden kann.

Gift in der Tunnelröhre

Dass die Einsatzleitung schnell Ziel von Journalisten wird, bestätigte auch Dr. Jan Bauke. Der Abteilungsleiter Berufsfeuerwehr der Schutz und Rettung Zürich erlebte dies bei einem Chemiewehreinsatz im Uetlibergtunnel am 2. Juni 2015. Ein Transporter hatte im Tunnel gebremst, wodurch die. Ladung verrutschte. Ein Tank mit Formaldehyd-Lösung schlug leck, giftige Dämpfe traten aus und mehrere Personen wurden verletzt. Der Chauffeur fuhr den LKW geistesgegenwärtig aus dem Tunnel hinaus und hielt direkt nach dem Portal auf einer Brücke an. Dort bestand die Gefahr, dass das Formaldehyd in einen Fluss läuft. In dieser Situation waren genaue Anlagenkenntnisse hilfreich: Die Feuerwehr fuhr den LKW wieder einige Meter weit in die Tunnelröhre hinein, um dessen geschütztes Entwässerungssystem zum Auffangen der freigesetzten Lösung zu nutzen. Solche Aktionen setzen eine sehr enge Zusammenarbeit aller Beteiligten voraus.

Deutlich wurde auch, dass nicht nur in der akuten Anfangsphase einer Ereignisbewältigung eine hochkonzentrierte Führungsarbeit erforderlich ist, sondern auch und besonders in der Weiterentwicklung des Einsatzes. So verwies Dr. Jan Bauke auf mehrere Situationen beim Aufräumen, die aufgrund von kleinen Fehlern leicht zu Unfällen und Verletzten hätten führen können. Trainiert werde immer wieder die Startphase, selten die Schlussphase, in der die Aufmerksamkeit verständlicherweise nachlässt. So wurde nach dem Vortrag diskutiert, ob ein Austauschen der Führung für diese Phase sinnvoll sein kann, um die Sicherheit der Einsatzkräfte zu erhöhen.

Die Details müssen stimmen

Den Nutzen grosser Vollübungen im Verhältnis zum Aufwand stellten mehrere Referenten in Frage. Neben Stabsrahmenübungen wurde die Bedeutung von Begehungen, Detailübungen und Tests der erwarteten Ereignisketten mehrfach betont. So berichtete Frank Embert-Kreiser, Abteilungsleiter Sicherheit bei Krebs+Kiefer Ingenieure in Berlin (D) sowie Sicherheitsbeauftragter für mehrere Tunnel, von wertvollen Ergebnissen vergleichsweise wenig aufwändiger Einsatzvorbereitungen. Bei der Betätigung der verschiedenen Notrufeinrichtungen wurde in einem Tunnel festgestellt, dass nicht alle bei der passenden Leitstelle aufgeschaltet waren. Gleichzeitig „entdeckten“ die Feuerwehren das Notrufsystem als mögliche Rückfallebene für den Funk im Tunnel. An einer Löschwasserentnahmestelle verloren Einsatzkräfte bei einer Übung Zeit, weil nur die Türen beschriftet waren, hinter denen sich ein Schlauch bzw. ein Feuerlöscher befand, nicht aber die Tür zur Löschwasser-Entnahmestelle.

Insgesamt sei ein Mix verschiedener Sicherheitsübungen wünschenswert. Damit können gleichzeitig das bereits genannte wichtige Ziel erreicht werden: Alle beteiligten Führungskräfte müssen sich persönlich kennen, bevor es zu einem Einsatz kommt.

Tunnelmanager als Ansprechpartner für alle Übungen

Am Beispiel der österreichischen Autobahnen und Schnellstrassen erläuterte Dagmar Jaeger ihre Aufgaben als Tunnelmanagerin der ASFINAG Servicegesellschaft Wien (A) im Hinblick auf die Einsatzvorbereitung. Eine zentrale Anforderung an ihre Rolle lautet: „Der Tunnelmanager hat dafür zu sorgen, dass Übungen für das Tunnelpersonal und die Einsatzdienste durchgeführt werden.“ Deutlich wurde in ihrem Vortrag, dass die Vorbereitung bereits einen grossen Teil der Übung darstellt und wesentliche Erkenntnisse für die Zusammenarbeit liefern kann.

Beeindruckt waren viele Teilnehmende des Kommandanten-Forums auch von einem Lösungsansatz für das bekannte Problem, dass Rotlichter am Tunneleingang oft von Autofahrern ignoriert werden. Die Überwachungszentrale schaltete für eine Übung ergänzend zu dem roten Ampelsignal eine Leuchttafel mit dem Klartext „Tunnelbrand“ aktiv. Das zeigte die erwünschte Wirkung.

„Allein ist das Ereignis in der Regel nicht zu bewältigen“

Oberbrandrat Adrian Röhrle, stellvertretender Kommandant der Feuerwehr Reutlingen (D), schilderte die praktische Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Beteiligten  bei der Einsatzkonzeption und -vorbereitung für die Bauphase des  Scheibengipfeltunnels. Beispielhaft stellte er nicht nur die jeweiligen Aufgaben der verschiedenen Ereignisdienste vor, sondern ging auch im Umfeld des Tunnels in die Details und erläuterte etwa die Rolle der Verkehrsleitzentrale, des Lüftungs- und des Gebäudetechnikers sowie der Verkehrslenkung. Seine grafische Darstellung verdeutlichte sehr anschaulich den Umfang des Abstimmungsbedarfs vor einem Einsatz.  

Das Vorgehen seiner Feuerwehr bei der Entwicklung des Alarm- und Gefahrenabwehrplans brachte er mit drei Schritten auf den Punkt: interne und externe Diskussion zur Problemstellung, Einholen von Informationen bei erfahrenen Feuerwehren, Strukturieren der Problem- und Fragestellungen inklusiver der Formulierung klarer Anforderungen.

Exkursion zum Gotthard-Basistunnel

Wenige Tage vor Beginn des Testbetriebs hatten die Teilnehmenden des 4. Kommandanten-Forum der International Fire Academy die Gelegenheit, die Sicherheitsphilosophie für Bau und Betrieb des Gotthard Basistunnels (GBT) kennenzulernen. Der längste Eisenbahntunnel der Welt besteht aus zwei 57 km langen Einspurröhren, die alle 325 m durch Querschläge verbunden sind. Das gesamte Tunnelsystem mit allen Verbindungs- und Zugangsstollen sowie Schächten wird mit einer Länge von mehr als 152 km angegeben.

Über den 1,8 km langen Zugangsstollen gelangte die Besuchergruppe in Amsteg zur Tunnelröhre, wo auch ein Blick in das Bauwerk möglich war. Besichtigt wurde zudem der speziell für Einsätze in diesem Tunnel optimierte Lösch- und Rettungszug der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). 

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