Im Einsatz muss es einfach sein

  07. November 2016

Rückblick auf das 5. Kommandanten-Forum der International Fire Academy: Im Hinblick auf Tunneleinsätze sind schier unendlich viele Aspekte und Fragen zu berücksichtigen, von Planfeststellungsverfahren über besondere Gefahren bis hin zur Identifikation von Opfern. Dieser Komplexität hielten alle Referenten beim 5. Kommandanten-Forum der International Fire Academy einen Lösungsansatz entgegen: Vereinfachen! Aber wie ist dieser Anspruch in der Praxis zu verwirklichen?

"Wir machen alles zusammen!"

Hans Godding von der Brandweer Zuid-Limburg empfiehlt: "Keep it simple and stupid!" Das war die niederländische Antwort auf die komplexe Struktur des neuen zweistöckigen Kaiser-Willem-Alexandertunnels in Maastricht mit seinen zahlreichen Zu- und Abfahrten. Da der Tunnelkomplex nicht mit einer automatischen Löschanlage ausgestattet ist, wird im Ernstfall sehr grosser Zeitdruck herrschen: "Wir müssen ganz schnell wissen, was los ist, und dann ganz schnell im Einsatz sein." Dafür soll unter anderem eine automatische Ampelschaltung sorgen, die den Einsatzfahrzeugen freie Fahrt durch die Stadt sichert. Die Bilder der Überwachungskameras werden aus dem Tunnel sowohl an die Leitstelle als auch in die Einsatzfahrzeuge übertragen, was eine frühe Erkundung ermöglicht. Hydroschilde an den Portalen sollen die Rauchausbreitung verzögern. E-Learning-Programme unterstützen die Einsatzkräfte bei der Einsatzvorbereitung. Trotz dieser Techniken gilt für Hans Godding: "Der Mensch macht den Unterschied." Daher habe man von Anfang die sehr enge Kooperation mit allen Beteiligten gesucht:  "Wir machen alles zusammen – Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und Gemeinde."

Keine hausgemachten Einsatzhürden

Vereinfachung, sagt Dietmar Kuhn von der École Nationale des Services d'Incendie et de Sauvetage in Luxemburg, kann auch durch Vereinheitlichung erzielt werden. Dies gilt sowohl für Technik, Organisation und Ausbildung als auch für die Kommunikation. Was vereinheitlicht ist, ist einfacher auszuwählen, anzuwenden und zu kommunizieren. Wenn beispielsweise alle Feuerwehren einer Region über gleiche Lüfter verfügten, würde es bei einem Einsatz nebensächlich, wer seine Technik zur Verfügung stellt. Die Abläufe wären klarer, weil identisch. Dazu gehöre dann auch die "Integrität der Lehrmeinungen" in der Ausbildung: Besonders beim häufigen Einsatz externer Ausbilder sei auf eine insgesamt einheitliche Lehre zu achten.

Abstimmung vor dem Einsatz

Auch in der Einsatzkonzeption für die neue Schnellfahrtrasse der Bahn zwischen Nürnberg und Erfurt können viele Schritte unter dem Stichwort "Vereinheitlichen" zusammengefasst werden – von der identischen Zusatzausrüstung bis zu den Ausbildungsinhalten. Um dies zu erreichen, musste zunächst ein gemeinsames Bild von der Aufgabenstellung entwickelt werden. "Der Informations- und Koordinationsaufwand ist bei einer solchen Konzeption extrem hoch", bringt Marc Stielow eine seiner zentralen Erfahrungen auf den Punkt. Im Thüringer Innenministerium ist er die "Schnittstelle" für die gesamte Einsatzvorbereitung. In dieser Funktion kommuniziert Stielow mit Feuerwehren, Bürgermeistern und Stadträten, mit Kollegen und Vorgesetzten im Ministerium, sowie mit Vertretern der Bahn und der Medien. "Dieser Aufwand ist im Vorfeld von allen Stellen unterschätzt worden." Doch im Ergebnis ist viel erreicht worden, vor allem: identischen Rahmenbedingen für alle Einsatzkräfte entlang der gesamten Strecke.

Koordination über die Instanzen

Die Sanierung des Schweizer Belchen-Tunnels erweist sich für die Feuerwehren ebenfalls als komplex. Dies ergibt sich bereits aus der sich nahezu täglich verändernden Einsatzsituation. Um die Verkehrsbeeinträchtigung auf der wichtigen Nord-Süd-Achse möglichst gering zu halten, wird bis 2022 zunächst eine dritte Röhre erstellt. Mit dem Baufortschritt werden die Einsatzwege immer länger. Daher sollen alle 500 m Schutzräume für Bauleute und Einsatzkräfte gestellt werden. Ähnlich wie bei der Einsatzkonzeption für die Bahnstrecke in Thüringen setzt man auch bei der Schweizer Grossbaustelle auf die Bündelung – und damit Vereinfachung – von Kommunikationswegen. Als Beispiel nennt Markus Grenacher (Feuerwehrinspektor Kanton Solothurn), dass sich der Bauherr nicht mit den einzelnen Feuerwehren, sondern zentral mit dem Feuerwehrinspektorat abstimmt.

Tunnelnutzern Orientierung geben

Rolf Mellum (Accident Investigation Board Norway, Lillestrøm), Dr. Gunnar Jennsen (Stiftelsen for industriell og teknisk forskning SINTEF, Trondheim) und Arild Petter Søvik (Norwegian Public Road Administration, Oslo) erläuterten am Beispiel von Brandereignissen unter anderem im Gudvanger-Tunnel das norwegische Rettungskonzept "Save the people first". Um bei einem Ereignis schnell reagieren zu können,  werden Autofahrer beispielsweise von den Fahrschulen über das richtige Verhalten im Tunnel instruiert. Ein Problem ist allerdings nicht allein durch Kommunikation zu lösen: Unter Stress und bei Müdigkeit verlieren Personen sehr schnell vollkommen die Orientierung. Hier versuchen die norwegischen Kollegen einfache, aber wirksame Lösungen anzubieten. Ein Beispiel sind Handläufe als haptische Orientierungshilfe.

Sensibel sein für die Aufgaben anderer

Dr. Christian Zingg vom Disaster Victim Identification Team (DVI-Team) Schweiz brachte den Teilnehmenden des 5. Kommandanten-Forums sensibel ein schwieriges Thema näher: die Identifikation von Todesopfern insbesondere nach Grossschadenereignissen. Zum einen ist die Opferidentifikation für die Beweissicherung von grosser Bedeutung. Zum anderen können die Angehörigen wenigstens etwas entlastet werden, wenn sie rasch Gewissheit erhalten und in den Prozess der Identifikation so wenig wie möglich eingebunden werden müssen.

Feuerwehren können die schwierige, aber äusserst wertvolle Identifikationsarbeit sehr einfach unterstützen: Alles unberührt lassen, sobald die unmittelbare Gefahrenabwehr beendet ist. So kann beispielsweise persönliche Habe, die neben einem Opfer liegt, erste Hinweise auf dessen mögliche Identität liefern.

Handlungsempfehlungen entwickeln

Optimal ist es, wenn komplexe Fragestellungen auf einfache Handlungsempfehlungen reduziert werden können. Daran arbeiten Dr. Dietmar Schelb und Dr. Thomas Jordan am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in der Forschungsstelle für Brandschutztechnik. Sie berichteten von ihrer Forschung über (neue) Gefahren von elektro- und wasserstoffbetriebenen Fahrzeugen. Eine erste wichtige Erkenntnis: Mechanisch beschädigte Elektrobatterien können auch 24 Stunden nach einem Unfall zu brennen beginnen. Deshalb die Empfehlung an Feuerwehren bzw. Abschleppdienste: Das Unfallfahrzeug jedenfalls fernab von Brandlasten abstellen. Ein zweites von den Forschern erkanntes Problem: Brennende Batterien können Flusssäure freisetzen. Deshalb sind jedenfalls die bekannten Regeln der Schwarz-Weiss-Trennung zu beachten (vgl. "Nachgefragt: Unfälle mit Elektrofahrzeugen").

Wo Einheitlichkeit an Grenzen stösst

Dr. Nicole Hoffmann (Fire3 LLP, Kingston-upon-Thames) stellte die Prinzipien von Brandschutzkonzepten für unterirdische Verkehrsanlagen dar. Wie für die Einsatzvorbereitung gilt auch hier: Jede Anlage ist anders. Deshalb müssen bei der Konzeption jeweils die spezifischen Besonderheiten berücksichtigt werden, was der gewünschten Vereinheitlichung, Standardisierung und Normierung dann eben doch Grenzen setzt. Eine mögliche Vereinfachung der Arbeit sieht Dr. Hoffmann darin, die Feuerwehren rechtzeitig in die Konzeption einzubinden. Denn so können ihr Vorgehen und ihre Ressourcen in die Überlegungen einbezogen werden und stellen nicht im Nachhinein Entscheidungen in Frage, die auf der Grundlage anderer Annahmen getroffen wurden.

Neue Technik, neue Fragen

Wie neue Sicherheitstechnik Bekanntes in Frage stellen kann, berichteten Manuela Naeter und Uwe Koch von der Feuerwehr Jena. Die Abschlussübung für den Jagdbergtunnel zeigte, dass sich durch den Betrieb der Schaumlöschanlage die Situation für die Einsatzkräfte verändert: ein anderes Schadensbild, eine zusätzliche Beeinträchtigung der Kommunikation durch die Anlagengeräusche, Schaum auf Gerätschaften und Instrumenten wie Manometer, Funkgeräten etc. Die daraus resultierende Verunsicherung habe sich nach dem ersten Fahrzeugbrand im Tunnel gelegt. Die Anlage habe sich bewährt, und die Auswertung des Vorfalls habe zudem Antworten auf noch offene Fragen etwa zur Strukturkühlung geliefert.

Virtuell die Führung optimieren

Auch beim Führen an der Einsatzstellen plädieren Guido Plischek (Stabsstelle Bevölkerungsschutz & Feuerwehrwesen, Landkreis Böblingen) und Stefan Rometsch (Feuerwehr Leonberg und Werkfeuerwehr Porsche) für Einheitlichkeit. Ein anspruchsvolles Ziel, das unter anderem mit einem  Computer-Trainingsprogramm zur taktischen Führungsfortbildung verfolgt wird. Die virtuelle Fortbildung wendet sich insbesondere an Gruppen- und Zugführer. Sie lernen damit, den Führungsvorgang besser zu verstehen und anzuwenden, ohne dass dazu gross angelegte Übungen mit vielen Personen erforderlich sind.

Das Erleben des Einsatzortes reicht in der verwendeten Simulation näher an eine reale Situation heran als bei herkömmlichen Planspielen: Das Szenario wird nicht aus der Vogelperspektive wahrgenommen, sondern aus Augenhöhe. Die einzelne Führungskraft ist in der Übungssituation auf sich alleine gestellt, begleitet von einem Ausbilder. Sie kann sich später im Kollegenkreis über die Erfahrungen in gleichen Einsatzsituationen austauschen, so dass ein gemeinsamer Erfahrungspool entsteht.

Lernen als kontinuierlicher Prozess

Vereinfachen und Vereinheitlichen nennt auch Gerhard Schoepf als eine Herausforderung in der Ausbildung von Tunnelfeuerwehren. Dies bedeutet für ihn jedoch nicht, dass das Vorgehen im Tunnel innerhalb kurzer Zeit vermittelbar sei. Vielmehr brauche es regelmässige Wiederholung, um Routinen auszubilden, und dazu eine langfristige Planung. Die Landesfeuerwehrschule Tirol setze daher für die Tunnelausbildung von Feuerwehrangehörigen insgesamt rund fünf Jahre an. In dieser Zeit werden Ausbildungsinhalte mehrfach wiederholt, um so das Wissen zu festigen und auszubauen.  

Womit sich die Ausgangsfrage nach der Vereinfachung in der Praxis beantwortet: ausdifferenzieren in der Konzeption, der Einsatzvorbereitung und der Planung, vereinheitlichen für die Ausbildung. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Beides ist unerlässlich, um im Einsatz unter Zeitdruck schnell entscheiden und handeln zu können.

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