Interview zu Tunnelbränden im Gotthard

  14. Januar 2013

Beat Walther, stellvertretender Kommandant der Schadenwehr Gotthard, erläutert im Interview die beiden LKW-Vollbränden vom 20. und 25. Oktober 2012 (siehe News vom 29. Oktober 2012 ) und ordnet die Ereignisse in das jährliche Spektrum der Tunneleinsätze am Gotthard ein.

ifa: Herr Walther, zwei LKW-Vollbrände innerhalb von fünf Tagen sind nicht alltäglich.

Beat Walther: In der Tat, aber wir haben den Auftrag, uns rund um die Uhr für Einsätze bereitzuhalten. Jährlich bewältigen wir so rund 100 bis 150 Einsätze. Hierbei handelt es sich meist um abzuschleppende Pannenfahrzeuge oder technische Hilfe, aber auch immer mal wieder um Fahrzeugbrände, wenn auch nur selten um einen LKW-Vollbrand. Eine solche Häufung ist daher etwas ausserordentlich, muss jedoch bewältigt werden können.

ifa: Welche Erkenntnisse haben Sie aus den beiden LKW-Vollbränden gewonnen?

Beat Walther: Unser Vorgehen, möglichst rasch zum Brandherd vorzustossen und diesen unmittelbar zu bekämpfen, erwies sich beide Male als richtig. So gelang es uns, die Rauchentwicklung an der Quelle zu stoppen und die Rauchausbreitung auf weitere Tunnelabschnitte zu verhindern. Beim zweiten Brand breitete sich das Feuer sehr rasch über die gesamte Fahrerkabine aus. Da wir zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis darüber hatten, ob sich der Fahrer selbst retten konnte, wollten wir die Fahrerkabine öffnen und durchsuchen. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt an das normale Öffnen der Fahrertüre nicht mehr zu denken, weil die Türgriffe bereits zerstört waren. Diese Herausforderung werden wir zukünftig auch bei unseren Ausbildungen einbeziehen. Übrigens: Der Fahrer des brennenden LKW wurde später unverletzt im nächsten Schutzraum lokalisiert.

ifa: Weshalb trainieren Sie mit Ihren Einsatzkräften regelmässig in den Tunnel-Übungsanlagen der International Fire Academy?

Beat Walther: Erfahrung ist, was zählt. Wir nutzen hierfür die Gelegenheit, in den Tunnel-Übungsanlagen der International Fire Academy gefahrlos, aber dennoch einsatznah trainieren zu können, damit alle Angehörigen der Schadenwehr ausreichend persönliche Erfahrungen sammeln können. Es ist bei einem Tunnelbrand von grösster Bedeutung, das Feuer rasch unter Kontrolle zu bringen, da andernfalls zunehmende Temperaturen und starke Rauchentwicklung das Einsatzrisiko zusätzlich erhöhen. In den Tunnel-Übungsanlagen der International Fire Academy haben wir beste Voraussetzungen, um unterschiedlichste Ereignisse mehrmals auf verschiedene Arten anzugehen und so unsere Verfahren laufend zu optimieren. Wir testen hierbei auch unser Material und unsere Fahrzeuge unter realen Bedingungen und haben die Möglichkeit, Neues einfach mal auszuprobieren. Der Erfahrungszugewinn ist entsprechend gross, und die Qualität der Zusammenarbeit aller Beteiligten wird dadurch nachhaltig gesteigert. Dies wiederum führt bei Einsätzen zu einer effizienteren Bewältigung der Ereignisse, zu mehr Sicherheit und zu geringeren Schäden, was letztendlich Kosten spart.

ifa: Nach beiden Ereignissen konnte der Gotthard-Strassentunnel noch am gleichen Tag wieder für den Verkehr freigegeben werden. War der Tunnel oder die Tunnelinfrastruktur nicht beschädigt?

Beat Walther: Natürlich gab es an der Tunnel-Infrastruktur Schäden, aber sie waren relativ gering und beeinträchtigten die Sicherheit der Tunnelnutzer nicht oder konnten kurzfristig behoben werden. Eine unserer Kernaufgaben im Ereignisfall ist nebst dem Retten von Menschen auch der Schutz des Bauwerkes und der technischen Einrichtungen. Vergleicht man hierzu die Schliessungszeiten von 2001, als der Gotthard-Strassentunnel für die Sanierung knapp zwei Monate voll gesperrt blieb, so können wir heute feststellen, dass die Schäden anlässlich der beiden Brände im Oktober 2012 sehr klein gehalten werden konnten. Unser taktisches Vorgehen und die hierbei eingesetzten Mittel und Techniken haben sich bewährt, müssen allerdings fortwährend trainiert werden, damit im Einsatz die Mechanismen optimal greifen und eben auch Bauwerksschäden minimal gehalten werden können.

ifa: Herr Walther, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihren Einsätzen.

 

Die Schadenwehr Gotthard ist zuständig für die Ereignisbewältigung im 16,8 km langen Gotthard-Strassentunnel sowie auf den beiden steilen Zufahrtsstrecken mit 14 weiteren Autobahn-Tunneln (zwei in Richtung Norden, zwölf in Richtung Süden) mit Steigungen teils über 5 %. Hierfür stehen an den beiden Gotthard-Strassentunnelportalen 49 Schadenwehrangehörige mit insgesamt 24 Einsatzfahrzeugen bereit. An 365 Tagen stellen ganztags pro Portal vier Schadenwehrangehörige sicher, dass die Einsatzkräfte spätestens drei Minuten nach Alarmierung in den Gotthard-Strassentunnel einfahren.

 

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