Blitzlicht auf das 6. Kommandanten-Forum

  15. Dezember 2017

"Das Nein kommt im System der Feuerwehren nicht vor." Diese These erscheint richtig. Und genau deshalb ist ein Nein der Feuerwehren heute wichtiger denn je. Warum? Das soll ein pointierter Rückblick auf das 6. Kommandanten-Forum der International Fire Academy verdeutlichen.

Ein Nein im Einsatz ist die letzte Option, die keine Feuerwehr wählen möchte. Wenn es um Menschenleben geht, wird um jede Möglichkeit der Rettung gekämpft – bis an die eigenen Grenzen und darüber hinaus. So wird verständlich, warum sich die Einsatzkräfte beim Busunglück im Tunnel von Siders nicht ablösen liessen. Sie arbeiteten weiter, bis sie sicher waren, dass niemand mehr in dem verunglückten Fahrzeug war.

Im Einsatz sind die Bedingungen wie sie sind. Dann hat, wie es Heinz Liebhart als leidenschaftlicher Ausbilder formuliert, "der Teufel schon dreimal auf einen Haufen geschissen", und die Feuerwehren müssen sehen, wie sie das Beste daraus machen. Ein Nein in einer solchen Situation oder einzugestehen, dass es keine Lösung gibt, das lässt nicht nur Urs Bächtold  als Direktor des Schweizerischen Feuerwehrverbandes den Atem stocken: "Das wäre ein Paradigmenwechsel!"

Statt eines derart gravierenden Wandels könnte bereits die Unterscheidung zwischen Einsatz und Einsatzvorbereitung hilfreich sein. Arbeitsbedingungen, die im Einsatz als gegeben hinzunehmen sind, können und müssen in der Einsatzvor- und -nachbereitung hinterfragt werden. Zu einer Situation, die bei allem Engagement den Einsatzerfolg oder die Einsatzkräfte gefährdet, darf eine Feuerwehr – auch nicht durch Schweigen – kommentarlos nicken. Deshalb ist nach Problemen mit der technischen Kommunikation bei einem Tunneleinsatz aufgrund des Geräuschpegels auch die blosse Aussage eines Tunnelmanagers unbefriedigend, dass Strahlventilatoren nun einmal laut sind.

Wie weit ein systemübergreifendes Engagement in der Einsatzvorbereitung gehen kann, zeigt das Norwegian Tunnel Safety Cluster. 98 Unternehmen, 7 Universitäten und Forschungsinstitute sowie 8 öffentliche Akteure haben sich 2016 darin zusammengeschlossen, um weltweit führend im Thema Tunnelsicherheit zu werden. Verbunden ist dieses Ziel mit der Vorbereitung auf die beiden grossen Tunnelprojekte "Ryfast" und "Rogfast", zu denen unter anderen drei Unterwassertunneln von 5'700 m bis 26'700 gehören. Sie sollen 2019 bzw. 2025/26 fertiggestellt werden. Schon im Vorfeld wird hier auf allen Ebenen diskutiert, was diese Tunnel sicherer machen könnte. In Versuchen werden Beleuchtungsalternativen getestet, und selbst Ausschreibungsverfahren, durch die in der späteren Bauphase technisch bereits überholte Lösungen festgeschrieben werden, stehen auf dem Prüfstand.

Ein solches Einbringen in Planungsprozesse oder das Lösen von Problemen, die im Einsatz oder bei einer Übung aufgetreten sind, fordern von Feuerwehren viel Zeit. Um dies leisten zu können, wird ein weiteres Nein für Feuerwehren immer wichtiger: das Zurückdelegieren und Ablehnen von Aufgaben, die ausserhalb des eigentlichen Feuerwehrauftrags liegen. Die Lasten müssten, so der baden-württembergische Landesbranddirektor Karsten Homrighausen, wieder neu verteilt werden, indem die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung gestärkt und Aufgaben auf mehrere Organisationen verteilt werden. Einfach ist dieser Weg nicht, auch wenn der Ansatz von Franz Humer als Vizepräsident des Österreichischer Bundesfeuerwehrverbandes und von Urs Bächtold geteilt wurde. Denn ein Einsehen ausserhalb der Feuerwehren fehle noch: "Bisher hat es ja immer funktioniert." Doch wenn Feuerwehren verlässliche Partner im Einsatz bleiben wollen und sollen, dann müssen sie sich künftig stärker auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können.

Dies gilt umso mehr in einer immer komplexer werdenden Umwelt, wie sie der Arbeitspsychologe Henning Bilhuber beschreibt: In einer Zeit zunehmender Veränderungen sind Ereignisse immer weniger vorhersehbar. Wer glaubt, ein Problem bereits zu kennen, kann wichtige Einflussfaktoren übersehen und böse Überraschungen erleben. Dies hat Einfluss auf Lern- und Führungsprozesse in Feuerwehren. Ein Stichwort dazu ist etwa das Stärken der Entscheidungskompetenz jedes einzelnen Feuerwehrangehörigen für den Einsatz. So muss ein Atemschutztrupp im Tunnel letztlich selbst entscheiden können und dürfen, welche Eindringtiefe unter den ganz individuellen Bedingungen ihres Einsatzes für jedes Mitglied des Trupps leistbar ist.

Ein weiteres Nein ergänzte Heinz Liebhart in seinen provokanten Denkanstössen: ein Nein zu einer Flut von Vorschriften, die bis in den Einsatz hinein dirigieren – etwa in Form eines vorgeschriebenen Atemschutzprotokolls. Feuerwehren brauchten möglichst grosse Freiheit. Denn für Notfälle stehe die Lösung eben nicht mehr in einem Reglement. So lautete sein Schlussappell: "Schaut, dass wir uns nicht selber knechten mit unseren Paragraphen und Sicherheitsvorschriften, damit wir auch in Zukunft gut arbeiten können."

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