Einheitliche Einsatzlehre Bahntunnel in der Schweiz

  18. September 2018

In einen intensiven, vierjährigen Arbeitsprozess hat das Didaktik- und Entwicklungsteam (DET) an der International Fire Academy eine praxisorientierte Einsatztaktik für Ereignisse in Bahntunneln und die erforderliche Ausbildung definiert. Die "Einsatzlehre Bahntunnel" wurde im Herbst 2018 von der Schweizer Feuerwehrinspektorenkonferenz für die Schweizer Feuerwehren als verbindliche Ausbildungsgrundlage genehmigt und liegt auch den Kursangeboten für nicht-schweizerische Feuerwehren an der International Fire Academy zugrunde.

Vier zentrale Herausforderungen identifiziert

Das DET ist interdisziplinär besetzt: Ihm gehören Feuerwehrinspektoren, Vertreter von Eisenbahn-Infrastrukturbetreiberinnen und des Schweizer Bundesamtes für Verkehr, Mitarbeitende der International Fire Academy und der Landesfeuerwehrschule Baden-Württemberg sowie weitere Feuerwehr- und Bahnexperten an. Gemeinsam identifizierte das Team vier zentrale Herausforderungen, mit denen Feuerwehren beim Einsatz in Bahntunneln konfrontiert werden:

– spezifische Gefahren des Bahnbetriebs

– mit Strassenfahrzeugen nur schwierig zu erreichende Portale

– oftmals instabile Strömungsverhältnisse

– grosse erforderliche Eindringtiefen von bis zu mehreren   
   Kilometern

Sicherheitsregeln für Einsätze auf Bahnanlagen

Insbesondere in Hinblick auf die Gefahren, die von Bahnanlagen und dem Bahnbetrieb ausgehen, hat das DET die bestehenden Sicherheitsregeln für Bahn-Mitarbeitende für Feuerwehrangehörige an die Besonderheiten von Feuerwehreinsätzen angepasst (vgl. Foto). Sie liefern die Grundsätze für das sichere Verhalten an der Einsatzstelle und entlasten die Feuerwehren von der Erwartung, Bahnanlagen und -betrieb selbst "verstehen" und hinsichtlich der Gefahren beurteilen zu müssen. Stattdessen ist die Zusammenarbeit mit einem Vertreter der Infrastrukturbetreiberin grundsätzlich erforderlich.

Auch im Bahntunnel "Löschen um zu retten"

Der Grundsatz "Löschen um zu retten", für Brandeinsätze in Strassentunneln erstmals entwickelt, behält auch im Bahntunnel Gültigkeit. Es bleibt damit beim taktischen Grundmuster: schnellstmöglicher Löscherfolg auf der Anströmseite, um die Bedingungen für das Suchen und Retten auf der Abströmseite rasch zu verbessern. Allerdings verfügen die meisten Bahntunnel nicht über eine mechanische Lüftung, weshalb sich die Luftströmung während eines Einsatzes mehrfach umkehren kann. Dies hat insbesondere Auswirkungen auf die mögliche Eindringtiefe, die Einsatzkräfte in einem Bahntunnel zurücklegen können. Auch auf der Anströmseite müssen sie jederzeit mit Rauch rechnen und sollten deshalb nicht weiter eindringen, als sie im Falle einer Rauchumkehr unter Atemschutz zurückgehen können. Das DET gibt hier für den Einsatz mit Doppelflaschengeräten folgende Orientierungswerte: Unter Atemschutz können Eindringtiefen von rund 500 m erreicht werden, wobei immer der Grundsatz gilt, dass der Trupp entscheidet, wann er umkehrt. Auf der Anströmseite sollte nicht weiter als rund 1'000 m (ohne angelegte Maske) vorgegangen werden, um jedenfalls genügend Atemluftvorrat für einen Rückzug unter Atemschutz zu haben.

Studie liefert Überblick über Transportmittel

Da Bahntunnel in der Schweiz nicht mit Strassenfahrzeugen befahren werden können, werden für grosse Eindringtiefen spezielle Transportmittel benötigt. Lösch- und Rettungszüge (LRZ) sind im Grundsatz ideal, jedoch nicht immer hinreichend schnell verfügbar. Dann können zum Transport z. B. Rollpaletten eingesetzt werden, die jedoch – im Gegensatz zu LRZ – keinen gesicherten Raum bieten. Hier sieht das DET Entwicklungspotential für Zweiwegefahrzeuge mit gesichertem Raum, die aktuell bei einer Bahngesellschaft in Planung sind.

Vertiefende Informationen zu den Vor- und Nachteilen heute verfügbarer Transportmittel für den Brandeinsatz in Bahntunneln liefert eine Studie von Ricardo Stauder, Dozent an der Landesfeuerwehrschule Tirol (A). Er untersuchte dieses Thema  in seiner Masterarbeit im Studiengang Risikoprävention und Katastrophenmanagement an der Universität Wien und stellte die Ergebnisse beim 7. Kommandanten-Forum der International Fire Academy Ende November 2018 in Basel vor. Die Arbeit steht nun im Wissensportal auf der Website www.ifa-swiss.ch unter dem Stichpunkt "Versuche und Forschung" zum Download zur Verfügung.

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