Nachgefragt: Ausgedehntes Kühlen senkt Überlebenschancen

  09. Mai 2017

Wie sollen Verbrennungsopfer versorgt werden, bis der Notarzt eintrifft? Und was ist für Feuerwehrangehörige wichtig, wenn sie selbst im Einsatz eine Brandverletzung erlitten haben? Hinweise zu diesen Themen gibt Johannes Horter, seit 2014 Oberarzt der Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie, Schwerbrandverletztenzentrum (Verbrennungsintensivstation) an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Ludwigshafen.

Herr Horter, beim 2. Stuttgarter Symposium für Bevölkerungsschutz und Notfallmedizin Ende vergangenen Jahres in Stuttgart haben Sie über die Themen Brandverletzungen und Verbrennungsmedizin gesprochen. Was sollten Feuerwehrangehörige tun, wenn sie einen Brandverletzten erstversorgen?

Johannes Horter: Wenn ich dieses Thema hier erläutere, geht es weniger um die Frage, was professionelle Rettungsdienstmitarbeiter einer Feuerwehr leisten können, sondern darum, was Feuerwehrangehörige zur Unterstützung des medizinischen Rettungsdienstes tun können. Das richtet sich natürlich stark nach der Einsatzsituation. Gehen wir daher von einer Individualversorgung und genügend Rettungskräften aus.

Sobald brennende Kleidung abgelöscht ist, sollte möglichst alles an Kleidung entfernt werden, was noch ein Hitzespeicher sein kann und beispielsweise dampft oder Wärme abgibt und leicht zu entfernen ist. Wenn Kleidung am Körper haftet, ist dieser Bereich zu umschneiden. Danach ist es wichtig, den Patienten vor weiterem Auskühlen zu schützen und ihm Zuspruch zu geben, bis adäquate medizinische Hilfe eintrifft. Selbstverständlich sind – wie bei jeder Erstversorgung – die Vitalfunktionen regelmässig zu kontrollieren und bei Bedarf entsprechende Massnahmen zu treffen.

Langjährige Feuerwehrangehörige kennen noch das Kühlen von Patienten mit Verbrennungen. Wie sollte die heutige Praxis aussehen?

Johannes Horter: Mitte der 1990er-Jahre fand sich das Thema Kühlen noch in der medizinischen Literatur. Nach schweren Verbrennungstraumata haben Notärzte den Patienten auf der Trage liegend mit dem Feuerwehrschlauch abspritzen und kühlen lassen. Heute wissen wir: Wenn die Kleidung abgelöscht und weitgehend entfernt ist, kommt es nicht zu einem neuerlichen Anstieg der Temperatur in den oberen Hautschichten. Ein Kühlen bringt keinen Vorteil – kann aber zu schwerwiegenden Komplikationen führen: der Unterkühlung.

Unbedingt erforderlich ist es nämlich, ein Auskühlen des Patienten zu verhindern. Werden Patienten unterkühlt in ein Brandverletztenzentrum eingeliefert, so hat das bereits ab einer Körpertemperatur unter 36 °C einen messbaren Einfluss auf die Prognose, also die Erkrankungsschwere, die Entwicklung in den nächsten Stunden und das Überleben. Daher empfehlen wir, dass das Kühlen auf kleinflächige Verbrennungswunden, z.B. an der Hand, zur Schmerzreduktion begrenzt und eher Laienhelfern als medizinisch professionellen Helfern empfohlen wird.

Was bedeutet das für die Erstversorgung von Patienten durch die Feuerwehren, etwa bei einem Einsatz in einem Tunnel und langen Rettungswegen?

Johannes Horter: Nach der Rettung aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich sollten die brandverletzten Wunden steril und trocken abgedeckt werden. Man sollte grundsätzlich vermeiden, irgendwelche Salben, Puder oder auch Kühlungsverbände aufzubringen. Der Patient sollte zumindest mit einer Rettungsfolie gegen Luftzug und weiteres Auskühlen geschützt werden. Wenn längere Strecken zu überwinden sind, sind selbsterwärmende Decken eine gute Massnahme. Das Rettungsmittel sollte bei grösseren Verbrennungen auch stets vorgeheizt werden und während des Transports eine Temperaturmessung beim Patienten erfolgen, um den Effekt des Wärmeerhalts dokumentieren und beeinflussen zu können.

Sollte man auch bei kleinen Verbrennungen das Kühlen besser bleiben lassen?

Johannes Horter: Jeder von uns tut das: Wenn wir z.B. mit der Hand ans Bügeleisen oder an eine heisse Pfanne gekommen sind, laufen wir erst einmal zum Wasserhahn und kühlen diesen Hautbereich. Das ist überhaupt nicht schädlich, solange der Patient bei Bewusstsein und wach ist, die Temperatur einschätzen kann, die Behandlung als angenehm empfindet und nicht zu frösteln beginnt. Typischerweise sehen wir das bei Patienten mit überschaubaren Verbrennungen. Wir sagen orientierungsgemäss: Beim Erwachsenen können Verbrennungen bis zu einem Ausmass von 5 bis 10 Prozent der Hautoberfläche unter den genannten Bedingungen durchaus lokal mit klarer, normal temperierter Flüssigkeit und ohne Druck gekühlt werden. Eiswasser oder Eisbeutel sollten dagegen immer vermieden werden.

Wie kann man sich das Ausmass einer Verbrennung von 10 Prozent vorstellen?

Johannes Horter: Davon kann man etwa ausgehen bei Verbrennungen an beiden Unterarmen oder eines kompletten Armes.

Müssen Feuerwehrangehörige heute noch damit rechnen, dass ein Arzt einen Patienten kühlen lassen möchte?

Johannes Horter: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein notärztlich tätiger Kollege regelmässig mit Schwerbrandverletzten zu tun hat, geht gegen Null. Eine fachliche Unsicherheit in Rettungsdiensten und bei notärztlichen Kollegen ist durchaus zu spüren. Dem kann man nur durch regelmässige Informations- und Fortbildungsangebote begegnen. Wir tun dies hier bei uns in Ludwigshafen regelmässig – wie auch die anderen Zentren.

Wann sollten Feuerwehrangehörige zum Arzt gehen, wenn Sie bei einem Einsatz eine Verbrennung erlitten haben?

Johannes Horter: Zunächst eine Vorbemerkung: Feuerwehrangehörige, die dem deutschen Unfallversicherungsrecht unterstehen, sind berufsgenossenschaftlich versichert. Sie müssen ein hohes Interesse daran haben, dass sie eine thermische Schädigung, die sich möglicherweise auf ihre Arbeitsfähigkeit auswirken kann, vorstellen, dokumentieren und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln behandeln lassen. Es nutzt nichts, beispielsweise 14 Tage eine Brandverletzung an einer Hand zu Hause eigenständig behandeln zu wollen, bis sich vielleicht eine Narbe bildet, die hinterher die Funktion der Hand erheblich beeinträchtigen könnte.

Können Sie konkrete Hinweise dazu geben, wann eine Behandlung wichtig ist?

Johannes Horter: Wir unterscheiden bekanntlich verschiedene Verbrennungsgrade. Dabei ist der erste Grad etwa einem Sonnenbrand vergleichbar. Es kommt zu einer Rötung und Schmerz. So etwas heilt normalerweise folgenlos ab, wenn keine grossflächige thermische Schädigung vorliegt.

Wenn Blasen entstehen, handelt es sich schon um eine Verbrennung zweiten Grades. Hier ist durchaus eine spezielle Wundbehandlung und regelmässige Kontrolle erforderlich. Ein Laie kann nicht beurteilen, ob der unter der Blase liegende Wundgrund noch eigenes Regenerationspotenzial hat oder nicht und eine operative Behandlung erforderlich wird. Ich würde empfehlen, auch bei kleineren Verbrennungen 2. Grades einen Durchgangsarzt aufzusuchen; das sind typischerweise spezialisierte Chirurgen, wie z.B. plastische Chirurgen, Handchirurgen oder Traumatologen. Handelt es sich um eine beruflich zugezogene Verbrennung, so ist ein Durchgangsarzt aufzusuchen, der entscheidet, ob eine weiterführende Behandlung in einem Verbrennungszentrum notwendig ist.

Bei allen tiefgradigeren Verbrennungen, also bei Blasenbildung mit herunterhängenden Hautfetzen, würde ich empfehlen, eine Spezialklinik direkt zu kontaktieren; dies gilt insbesondere, wenn Areale betroffen sind, die ästhetisch oder funktionell besonders bedeutsam sind. Den Kontakt zu einem Schwerbrandverletztenzentrum würde ich grundsätzlich empfehlen bei Verbrennungen an Hand, Fuss, Gesicht und im Anogenitalbereich, bei chemisch induzierten Verbrennungen sowie bei schwerem Elektrotrauma, also Verbrennungen durch Blitzschlag oder Lichtbogen.

Ab 5 % drittgradiger Verbrennung sollte auf jeden Fall ein Schwerbrandverletztenzentrum kontaktiert werden. Drittgradige Brandwunden sind typischerweise weiss-blass oder sogar verkohlt oder schwarz mit Russ.

Herzlichen Dank für Ihre Hinweise.

Johannes Horter (*1973) studierte Humanmedizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Nach Stationen u.a. an der Harvard Medical School in Boston (USA) und am Spital Lachen (CH) ist er seit 2009 an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Ludwigshafen tätig. Seine klinischen Schwerpunkte als Oberarzt der Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie, Schwerbrandverletztenzentrum (Verbrennungsintensivstation) sind die Intensivmedizin, die Notfallmedizin und das intrahospitale Notfallmanagement.

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