Nachgefragt: Üben im Eisenbahn-Tunnel

  25. April 2017

Rüdiger Palatz organisierte auf Seiten der DB Netz AG eine fünftägige Übung im Bahntunnel unter dem Terminal des Flughafens BER Berlin Brandenburg (vgl. Ausbildungsreport "Fünf Tage Training im Tunnel" unter "Downloads"). Im Interview erläutert er, worauf es auch bei der Vorbereitung kleinerer Übungen im Bahnbereich ankommt und warum eine Vorlaufzeit von mindestens einem halben Jahr sinnvoll ist.

Herr Palatz, Sie haben die grosse Übung im Bahnhofs- und Tunnelbereich des Flughafens Berlin-Brandenburg auf Seiten der Bahn mitorganisiert. Wie sollte eine Feuerwehr vorgehen, die ebenfalls für einen Bahntunnel zuständig ist und eine Übung durchführen möchte?

Rüdiger Palatz: Wenn Sie etwas auf dem Gleis machen wollen, benötigen Sie zuerst die Infrastruktur dazu. In Deutschland ist die DB Netz AG das Eisenbahn-Infrastrukturunternehmen für rund 90 Prozent des Schienennetzes. Und dort benötigen Sie jemanden, der das Ganze organisiert.

Wie erreicht eine Feuerwehr bei der DB Netz AG den für sie richtigen Ansprechpartner?

Rüdiger Palatz: Die Struktur ist nicht überall gleich in Deutschland. Was es immer gibt, sind Notfallbezirke und Verantwortliche aus dem Notfallmanagement für den jeweiligen Bezirk. Diese haben die Aufgabe, den Kontakt zu sämtlichen zuständigen Feuerwehren zu pflegen. Wenn es eine grössere Übung werden soll oder wenn sie sich auf den Bahnverkehr auswirken sollte, wendet er sich an einen Vorgesetzen, zum Beispiel an einen Fachbeauftragten oder einen Leiter Betrieb. Denn dann müssen auch andere Stellen mit einbezogen werden. Es wird schnell eine umfangreiche Organisation erforderlich.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Rüdiger Palatz: Sobald Sie auch an und in Waggons trainieren wollen, benötigen Sie das zuständige Eisenbahn-Verkehrsunternehmen, kurz EVU. Dieses ist, im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen grossen Übungen, verpflichtet, sich zu beteiligen. Aber: Ein halbes Jahr Vorlauf muss da schon sein. Denn zum einen müssen Waggons bereitgestellt und dazu meist aus dem üblichen Verkehr bzw. den geplanten Abläufen herausgenommen werden. Zum anderen müssen auch beispielsweise ein Lokführer und ein Triebwagen zur Verfügung stehen. Für all das gibt es Umlaufpläne, die nicht heute und morgen für übermorgen umgeschrieben werden können.

Es muss also sehr viel im Vorfeld organisiert werden.

Rüdiger Palatz: Ja, das ist richtig. Und es sind viel mehr Stellen beteiligt, als man sich vielleicht spontan denken würde. 40 Leute bei den Eisenbahnunternehmen sind da nichts, wenn Sie eine Übung wie im Berliner Flughafen-Bahnhof durchführen wollen. Die Lok muss da sein, ein Triebwagenführer und ein Rangierer, und schon haben sie den Personaleinsatzplaner mit im Boot, der das organisieren muss. Sie brauchen Techniker fürs Erden, und ggf. muss der Fahrplan umgeschrieben werden. Bis zum neuen Eintakten der Waggons in die Revision und zu den internen Abrechnungen staunt man, was alles geregelt werden muss.

Welche Tipps würden Sie einer Feuerwehr geben, die eine Übung vorbereiten möchte?

Rüdiger Palatz: Sie sollte sich mit viel Vorlauf an ihre Kontaktperson beim Eisenbahn-Infrastrukturunternehmen wenden und bereits mit einer Vorstellung davon anfragen, was wie geübt und was dadurch erreicht werden soll. Plus Diskussionsbereitschaft: Wie kriegen wir das hin? Was wäre alternativ sinnvoll?

Ausserdem sollten alle an einem möglichen Ereignis Beteiligten eingeladen werden – und zumindest als Beobachter teilnehmen können.

Sie haben im Vorfeld nicht alle Details der Übung offengelegt. Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht?

Rüdiger Palatz: Ja, genau. Eine Besonderheit bei der Übung in Berlin war, dass wir zwar alle Stellen eingebunden haben und damit bekannt war, dass wir üben. Aber wir haben nicht genau kommuniziert, wann wir was wie genau üben werden. Wir haben beispielsweise als Kommunikationsübung eine Brandmeldung simuliert und alle Prozesse bei allen Beteiligten beobachtet – bis kurz vor dem Losfahren der Feuerwehrfahrzeuge. Vor dem Ausrücken haben wir natürlich abgebrochen. Diese Übung hat für alle wertvolle Erkenntnissen gebracht. Wir werden die Abläufe überprüfen und nochmals separat üben.

Unsere Erfahrung ist: Der Erkenntnisgewinn ist umso grösser, je weniger Leute Sie einbinden bzw. je vager Sie die Angaben lassen. Sie erkennen besser, ob das, was Sie im Vorfeld geregelt haben, umsetzbar ist und greift. In der Theorie klappt das alles. Aber live: Schafft man das überhaupt in der vorgesehenen Zeit?

Muss es immer eine grosse Übung sein?

Rüdiger Palatz: Nein, natürlich nicht. Die Berliner Übung im Flughafen war ein Ausnahmeprojekt! Auch kleine Übungen, die beispielsweise in vier Stunden zu bewältigen sind und damit deutlich weniger Aufwand machen, können wertvolle Erkenntnisse bringen. Voraussetzung ist aber, dass eine klare Fragestellung bearbeitet wird. Etwa: Wie kann man eine Person retten, die zwischen Zug und Bahnsteigkante geraten ist. Das ist auch ein Beispiel für eine konkrete Anforderung an die Eisenbahnunternehmen, verbunden mit der Frage: Wo können wir das üben?

Herzlichen Dank für Ihre Tipps!

Rüdiger Palatz ist Fachbeauftragte für Betrieb der DB Netz in der Region Ost. Er koordinierte bei der Übung im Flughafen Berlin-Brandenburg alle Aufgaben auf Seiten der Eisenbahn, schaltete die Eisenbahnverkehrsunternehmen ein und kümmerte sich um alle Genehmigungen und die Abstimmung der Planungen.

Den Ausbildungsreport als Download gibt es hier: "Fünf Tage Training im Tunnel“

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