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Rückblick auf das 10. Kommandanten-Forum

Zwei Tage lang tauschten sich Feuerwehr-Führungskräfte beim 10. Kommandanten-Forum über Einsätze in Bahn- und Strassentunneln sowie Tiefgaragen aus und diskutierten aktuelle Entwicklungen der Ausbildung und Einsatzplanung. Die Exkursion führte in diesem Jahr zum neuen Hauptbahnhof in Stuttgart, begleitet von Vorträgen zum Projekt «Stuttgart 21».

Einsatzberichte aus Tunneln und Tiefgaragen


150 Teilnehmer konnte Geschäftsführer Urs Kummer Mitte März zum 10. Kommandanten-Forum der International Fire Academy im Mövenpick Hotel Stuttgart Messe & Congress begrüssen. Die Kommandanten-Foren sind nichtöffentlich, um eine selbstkritische Reflexion der Feuerwehrarbeit zu ermöglichen. In diesem Bericht fassen wir Tagungsergebnisse zusammen, die für viele Feuerwehren von Interesse sein dürften.

Massenkarambolage im Hungerbichltunnel

Am 7. November 2022 führte ein Auffahrunfall im zweiröhrigen Hungerbichltunnel auf der Pyhrn-Autobahn zwischen Linz und Graz (A) zu einer Massenkarambolage von fünf Lastzügen. Die Rettung der eingeklemmten Fahrer erforderte einen stundenlangen Einsatz von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei. Im Nachgang haben die Hilfsorganisationen das Ereignis systematisch aufgearbeitet.

Wie Michael Buchbauer von der Oberösterreichischen Feuerwehrschule, Philipp Schwarz, Kommandant der Feuerwehr Kirchdorf/Krems, und Daniel Buchroithner von der Autobahnpolizei Klaus berichteten, sind die wichtigsten Erkenntnisse für derart komplexe Lagen:

  • Hoher Kräftebedarf: frühzeitig nachalarmieren
  • Hohe Belastung der Einsatzkräfte: frühzeitig Ablösung organisieren
  • Auch bei (ausschliesslich) Technischer Hilfeleistung: Tunnel lüften, um die Kohlenmonoxid-Belastung gering zu halten.
  • Bei einer langen Unfallstelle mit vielen Zündquellen: für ausreichenden Brandschutz sorgen

Bei einem solchen Einsatz, so betonten die Referenten, sei es für die Koordination wichtig, das Vorgehen und die Arbeitsweise der anderen Einsatzorganisationen im Detail zu verstehen.

Sechs Wochen Bergungseinsatz im Gotthard Basistunnel


Ein Zug mit 30 Güterwagen entgleiste am 10. August 2023 im Gotthard Basistunnel. Ähnlich wie beim LKW-Unfall im Hungerbichltunnel erschwerte auch hier das Fehlen eines Zugangs von der Seite oder von oben die Bergungsarbeiten. Über dieses Bahnereignis berichtete Mirko Kunz, Leiter Entwicklung und Operationen der Schweizerischen Bundesbahnen AG (SBB).

Mehrere Wagen waren so stark beschädigt, dass sie nicht weggezogen werden konnten. Wegen der Tunnelstruktur konnten auch keine Kräne oder sonstigen schweren Geräte eingesetzt werden. Die Folge: Sieben Wagen mussten von der SBB Intervention (der Betriebsfeuerwehr der SBB) aufgeschnitten und in transportable Stücke zerlegt werden. Dieser Einsatz dauerte über sechs Wochen. Einen Eindruck von dem Ereignis vermittelt ergänzend der Bericht der TV-Sendung «Einstein».

151 Menschen bei Zugbrand aus Bahntunnel gerettet

Bezirksfeuerwehrinspektor Michael Neuner berichtete über den Brandeinsatz vom 7. Juni 2023 im 17 km langen Terfener Tunnel bei Innsbruck (A). Ein Autoreisezug war in Brand geraten und im Tunnel stehen geblieben. 151 Reisende mussten gerettet werden.

Mit einem immensen Aufgebot von 622 Feuerwehrangehörigen an der Einsatzstelle gelang es, die Reisenden innerhalb kurzer Zeit in sichere Bereiche zu bringen. Nur wenige erlitten leichte Rauchgasvergiftungen. Für die Teilnehmer des Kommandanten-Forums war dieser Einsatzbericht ein beeindruckendes Beispiel dafür, was mit entsprechender Ausbildung und Vorbereitung im Ernstfall möglich ist.

Einsatzbericht Tiefgaragenbrand im nächsten Online-Forum


Wie herausfordernd bereits kleinere Brände in Tiefgaragen sein können und was Feuerwehren daraus lernen sollten, schilderte Andreas Gerber, Kommandant der Feuerwehr Klus im Kanton Basel-Landschaft, am Beispiel eines Einsatzes in Aesch (CH). Da nahezu jede Feuerwehr Tiefgaragen in ihrem Zuständigkeitsbereich hat, wollen wir diesen Beitrag der allgemeinen Feuerwehröffentlichkeit zugänglich machen. Andreas Gerber wird seinen Vortrag deshalb nochmals am Dienstag, 11. Juni 2024, ab 20 Uhr in unserem 10. Online-Forum halten. Die Details zum Online-Forum teilen wir rechtzeitig auf unserer Magazinseite, in den ifaNEWS und auf unserer Veranstaltungsseite mit.

Magazinbeitrag zur Überdruckventilation von Tiefgaragen

Zum Themenkomplex Tiefgaragen berichtete Dietmar Schelb, Leiter der Forschungsstelle für Brandschutztechnik am Karlsruher Institut für Technologie, über neue Erkenntnisse zur Überdruckventilation von Tiefgaragen nach der Freisetzung von Wasserstoff. Dazu werden wir zeitnah einen eigenständigen Magazinbeitrag veröffentlichen.

Interkommunale universelle Einsatztaktik mit Stosstrupp


Für Brandeinsätze in Tunneln werden erfahrungsgemäss viele Einsatzkräfte benötigt, weshalb oft bereits für den Ersteinsatz mehrere Feuerwehren alarmiert werden müssen. Vor diesem Hintergrund entwickelte die Feuerwehr Filderstadt eine interkommunale Einsatztaktik, über die Kommandant Jochen Thorns berichtete. Den Kern bildet eine «Einsatzkomponente Stosstrupp» wie in der untenstehenden Grafik dargestellt.

Es handelt sich um eine eigenständige, flexibel einsetzbare taktische Einheit, die autark arbeiten kann, bei einem Atemschutznotfall selbstrettungsfähig und nach dem Fähigkeitsmanagement ausgestattet ist. Einheitlich sind das Einsatzkonzept, die Ausstattung, die Sprache und die Ausbildung.

Die Führungsausbildung muss zur Einsatzplanung passen

Andreas Reeh, stellvertretender Kommandant der Feuerwehr Filderstadt, stellte ergänzend zum Beitrag von Jochen Thorns ein Ausbildungskonzept für Einsätze in Sonderobjekten vor. Wenn z. B. für Bahntunnel eine Einsatzplanung erstellt wird, dann sollten die Führungskräfte anhand dieser Einsatzplanung ausgebildet werden. Ziel sei, dass Ausbildung und Einsatzplanung zueinander passen.

Die Standardausbildung genüge nicht, weil bei Einsätzen in Sonderobjekten zum Beispiel ungewohnte Führungsrollen wahrzunehmen sind. Also sollten die Führungsabläufe simuliert werden, idealerweise mit räumlicher Trennung, beispielsweise in die beiden Portalbereiche eines Tunnels. Dann können auch die oft schwierigen Kommunikationsaufgaben trainiert werden.

Exkursion zum neuen Stuttgarter Hauptbahnhof


Ein Höhepunkt des Kommandanten-Forums 2024 war die Besichtigung der Baustelle für den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof. Im Projekt «Stuttgart 21», einer neuen West-Ost-Verbindung auf der Achse Paris-Budapest, ist der Stuttgarter Bahnhof ein zentraler Knotenpunkt. Christof Kohrs, Senior Referent Brandschutz, und Mike M. Stolle, Fachexperte Technische Gebäudeausrüstung, beide von der Deutsche Bahn Projekt Stuttgart-Ulm GmbH, berichteten in ihrer Einführung unter anderem, dass für die zuführenden Tunnel des neuen unterirdischen Bahnhofes erstmals und eigens dafür entwickelte mächtige Entrauchungsbauwerke installiert werden.

Stuttgart 21 aus Sicht der Feuerwehr: «Es ist kompliziert.»

Wie sich die Entwicklung des Brandschutzes von «Stuttgart 21» aus Sicht der Branddirektion Stuttgart darstellt, berichteten der stellvertretende Amtsleiter Markus Heber und Abteilungsleiter Christopher Haigis. Für die Begutachtung des Vorbeugenden Brandschutzes und die nun anstehende Einsatzplanung musste eigens eine Vollzeitstelle geschaffen werden. Hohen Arbeitsaufwand brachte nicht nur die Zusammenarbeit mit der Bauherrin, der Deutschen Bahn AG. Auch die Projektkritiker des lange Zeit heftig umstrittenen Bauvorhabens suchten die intensive Kommunikation mit der Stuttgarter Feuerwehr.

Psychologische Unterstützung auch bei Stress nutzen


Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) für seelisch belastete Einsatzkräfte und Betroffene ist mittlerweile allgemein bekannt und akzeptiert. Die Ressourcen der PSNV sind aber nicht nur dann hilfreich, wenn die Seele tatsächlich in Not ist. Yvonne Künstle, Leiterin der baden-württembergischen Landeszentralstelle für PSNV appellierte an die Forumsteilnehmer, psychologische Expertise auch für das persönliche Stressmanagement zu nutzen.

Hier ein Beispiel für die vielen Anregungen der Expertin: Gibt es im Übungs- und Einsatzdienst häufig Stress, kann es sich lohnen, gemeinsam die Arbeitsabläufe zu hinterfragen. In manchen Fällen könnten bereits durch eine andere Strukturierung der Dienstabende Stressfaktoren reduziert werden. Stress sollte nicht als persönliche Schwäche angesehen werden. Stress habe Ursachen, die oft beeinflusst werden können, um so für eine Entlastung zu sorgen.

Den richtigen Fluchtweg weisen


Joachim Schäfer, Branddirektor a.D. der Feuerwehr Aachen, zeigte die aktuelle Entwicklung der dynamischen und adaptiven Fluchtweglenkung auf, bei der Fluchtwegbeschilderungen situativ angepasst werden. Dieses Thema wird für den Abwehrenden Brandschutz und die Feuerwehren in Zukunft enorm an Bedeutung gewinnen, weshalb wir dazu gemeinsam mit dem Referenten einen eigenständigen Magazinbeitrag veröffentlichen werden.

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...über Einsätze, Lehrunterlagen, Technik, bewährte Einsatzmittel, Gefahren und andere feuerwehrrelevante Themen in unseren zahlreichen Magazinbeiträgen.