Durch Schallschutzwände auf beiden Seiten der Bahntrasse gleicht die 10 km lange Bahnlinie durch die niedersächsische Stadt Wunstorf (D) fast einem Tunnel. Dies erschwerte erheblich die Erkundung beim nächtlichen Brand eines Güterbahnwagens am 26. September 2023. Dennis Heidorn, der als stellvertretender Ortsbrandmeister den Einsatz leitete, und Marvin Nowak, Pressesprecher der Stadtfeuerwehr, schilderten beim 15. Online-Forum der International Fire Academy den Einsatzverlauf und die Erkenntnisse daraus.
Herausforderung Erkundung
Als der Zugführer der Feuerwehr Wunstorf fünf Minuten nach der Alarmierung um 02:41 Uhr am Einsatzort eintraf, war der Brand zwischen den Schallschutzwänden weithin sichtbar. Allerdings war ein schneller Zugang zum Brandobjekt nicht möglich. Zur Erkundung wurde daher eine Drohne eingesetzt. Dabei stellte sich heraus: Die Auflösung der Drohnenkamera genügte nur, um eine Gefahrentafel an einem Kesselwagen in unmittelbarer Nähe des Brandes zu identifizieren, nicht aber um die Stoffnummer aus grösserer Distanz lesen zu können.

Ausserdem war nicht zu erkennen, ob etwa aufgrund einer geschmolzenen Dichtung bereits Stoffe aus benachbarten Kesselwagen ausgetreten waren. Rauch- und Wärmeentwicklung sowie die Wetterlage erlaubten es nicht, zur Erkundung näher an die gefährdeten Bahnwagen und das Brandobjekt heranzufliegen. So blieb lange Zeit unklar, wie die Gefahrensituation einzuschätzen war.
Erste Wasserabgabe bereits 10 Minuten nach der Alarmierung
Da die Oberleitung über die gesamte Länge des Brandobjektes und darüber hinaus zu Boden gefallen war, startete der erste Löschangriff über eine Drehleiter. Unterstützend konnten ein Feuerwehrfahrzeug mit Dachmonitor und ein mobiler Wasserwerfer auf einem Feldweg auf der anderen Seite der Bahnstrecke in Position gebracht werden. Hier kam die Drohne zum Einsatz, um den Wasserstrahl des Werfers exakt auszurichten.

Insgesamt mussten 4 000 Meter Schlauchleitungen verlegt werden. Die innerstädtische Wasserversorgung kam an ihre Kapazitätsgrenzen. Dennoch war es möglich, das Feuer nach gut zwei Stunden unter Kontrolle zu bringen. Um 04:58 Uhr hiess es «Feuer aus».
Glück im Unglück: Lücke zwischen Brand und Kesselwagen
Im Verlauf des Einsatzes erhielt die Einsatzleitung wichtige Informationen zur Zugzusammenstellung. Um diese Informationen zu überprüfen und für die Einschätzung der Lage nutzen zu können, musste der Zug über eine Länge von 1,5 km mit der Drohne erkundet werden. Es stellte sich heraus, dass sich fünf Tankwagen mit Gefahrstoffen unmittelbar an den brennenden Wagen anschlossen. Eine Lücke zwischen dem darauf brennenden LKW-Auflieger und den Gefahrstoff-Tankwagen erwies sich bei diesem Einsatz als Glücksfall.

Möglicher Evakuierungsbereich als extreme Herausforderung
Die Flammpunkte der Gefahrstoffe in den Tankwagen, die sich an den Güterwagen mit dem brennenden Auflieger anschlossen, lagen bei 16,7 bzw. 27 °C, die Aussentemperatur bei 15,4 °C. Für den Fall einer Gaswolkenexplosion beim Austritt einer der Gefahrstoffe wurde ein erforderlicher Sicherheitsradius von 1 690 m errechnet. In der Gefahrenzone lagen demnach neben mehreren Alten- und Pflegeheimen eine forensische Psychiatrie mit Massregelvollzug, das Rathaus, die Feuerwache, das Polizeikommissariat und die Rettungswache. In dieser Nacht wurde entschieden, lediglich 65 Personen aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu evakuieren, weil diese Beladungslücke vorhanden war. Ohne den unbeladenen Wagen hätte die Lage anders ausgesehen.

Lehren aus dem Einsatz
Zwei Jahre nach dem Einsatz ist die Feuerwehr Wunstorf noch mit Nachbesserungen und Ersatzbeschaffungen beschäftigt, da diese zum Teil mit grösseren Investitionen verbunden sind. So wurde deutlich, dass auch innerstädtisch ein Tanklöschfahrzeug erforderlich ist. Neben der Anschaffung einer neuen Drohne wurde entschieden, die Drohne der Regionsfeuerwehrbereitschaft bei definierten Alarmstichworten mit in die Initialalarmierung aufzunehmen. Zudem wurden Redundanzen für Stabs- und Lagerräume definiert, die im Evakuierungsbereich gelegen hätten.

Dem Notfallmanager, der bei diesem Einsatz mit der Erdung der Strecke beschäftigt war, sollte bei einem möglichen künftigen Einsatz ein Führungsassistent der Feuerwehr zur Seite gestellt werden, um die Kommunikation mit der Einsatzleitung sicherzustellen. Im engen Austausch mit dem DB-Notfallmanagement wurde zudem entschieden, bei einem Einsatz künftig einen direkten Kontakt zur DB-Leitstelle aufzubauen. Mit Blick auf die Brandursache resümieren Dennis Heidorn und Marvin Nowak: «Dieser Einsatz hat uns dafür geöffnet, auch in aussergewöhnlichen Szenarien zu denken.»
Erfahren Sie mehr ...
...über Einsätze, Lehrunterlagen, Technik, bewährte Einsatzmittel, Gefahren und andere feuerwehrrelevante Themen in unseren zahlreichen Magazinbeiträgen.




